Betrachtungen zum Thema Scham. Es werden Ihnen in diesem Beitrag einige unbequeme Fragen gestellt. Seien Sie gewarnt! Haben Sie noch Erinnerungen an die Frage “Schämst du dich nicht?” Klang diese Frage nicht mehr nach einem Vorwurf? “Schäm dich!” wirkt oft verletzend wie ein Messerstich. Wir wissen, dass Schamgefühle / Schamgrenzen / Beschämtheit wichtige Empfindungen und ebenso wichtige Beziehungsregulative sind. Sie erfordern in jedem Falle Respekt, Würdigung und achtsamen Umgang. Wie aber Schamgefühle entstehen UND wo sie Lebendigkeit blockieren, davon soll heute die Rede sein. Der Bezug zu Sexualität und Lebendigkeit ist ebenfalls wichtig.

Liebe ist das probateste Mittel, das Schamgefühl zu überwinden.

— Sigmund Freud

Viele wichtige Fragen

  • Wieviel Dinge haben Sie aus Scham nicht geäußert oder erlebt? Wieviel Ungelebtes gibt es in Ihrem Leben -wegen der Scham? persönliche (auch sexuelle) Wünsche und Bedürfnisse - Scham für das Sosein - blamiert werden und sich dafür schämen.
  • für ein Versagen, für Fehler oder für ein Nicht-Entsprechen (einer sozialen Norm, status, Moralvorstellung,…)
  • für den eigenen Körper, spezielle Körpermerkmale (Geschlechtsteile) und sehr oft fürs Nacktsein an sich (auch im privaten Rahmen alleine!)
  • für bestimmte soziale Merkmale wie z.B. das Geschlecht, Herkunft, den kulturellen Hintergrund.
  • Gesehen-werden, Erkannt-werden

Was fällt Ihnen dazu aus Ihrer persönlichen Vergangenheit ein?

Warum schämen sich Menschen dafür, wie sie sind? Wo kommen Schamgefühle her oder gibt sie uns jemand ein?

Bekannt ist auch das “Fremdschämen” - jemand ganz anderer macht etwas Peinliches, bemerkt dabei nicht, wie er den soziokulturellen Rahmen übersieht - und wir fühlen quasi dessen Scham.

  • Schäm’ dich dafür, dass du mit deinem Geschlecht (was für ein Wort!) gespielt hast, dass du neugierig deinen Körper erkundet hast (“Doktorspiele”).
  • Schämst du dich nicht, so … gekleidet auf die Straße zu gehen, es wirkt so bunt / auffällig … provokant … das ist doch völlig daneben?
  • Jetzt schäm’ dich aber dafür, dass du so laut geworden bist, dass du geschimpft oder getrotzt hast, das war gar nicht lieb!
  • Das war urpeinlich, wie der | die so öffentlich laut geweint hat, herumgestottert hat, …

Geschichten aus der Praxis

Die Abteilungsleiterin hat mich vor dem gesamten Team ‘runtergemacht, das war so beschämend. Diese mitleidigen Blicke der KollegInnen auszuhalten war schrecklich. Keiner hat was gesagt, keiner hat zu mir gehalten.

Schamgefühle werden uns von den Eltern aber auch von den ersten Sozialisierungs"anstalten" in Kindergarten und Schule mitgegeben. Sie regeln auf ungeschriebene Weise das soziale Zusammenspiel, damit Grenzen zwischen den Menschen gewahrt bleiben und haben somit eine Schutzfunktion. Häufig beziehen sie sich auf den Umgang mit dem Körper und werden auch stark körperlich empfunden.

Der Körper spricht

Rot werden, Wärmewelle, Schwitzen, Stottern, Zittern bis hin zu Angstsymptomen, weiche Knie, Stottern, Zusammenziehen, sich klein machen um “im Boden zu versinken”, sich ducken, verspannte/verhärtete Muskelpartien sind die körperliche Ausdrucksformen. Da es keine weltumfassende allgemeine Norm für Scham gibt, ist sie kultur- und zeitabhängig. In jedem Familiensystem gibt es andere Schamgrenzen. Scham begrenzt spontanes Handeln (und damit auch Triebbefriedigung) und kann der lebendigen Entfaltung entgegenstehen. Wie geht es wohl einer Generation mit ihren sexuellen Wünschen, die körperfeindlich erzogen wurde ? Wo bleibt die Lust, wenn der Körper nur zum Gebären (Frauen), Hart-wie-Kruppstahl-sein-müssen (Männer) vorgesehen war? Im letzten Beispiel wird Scham mit “Härte” also emotionaler Verhärtung begegnet. Da muss “Verweichlichung” sehr gefahrvoll sein, denn dann kommt die Scham wieder hervor.

Tabuisierte Körperregionen

Ich erlaube mir die These, dass Scham den Bezug zum eigenen Körper erheblich stören KANN. Denn es werden ganze Körperregionen tabuisiert, die in weiterer Folge nicht mehr gut “gefühlt” werden können. Was in Gedanken nicht sein darf, wird auch weniger beachtet und berührt. Ganz klar, dass die neuronale Vernetzung dadurch leidet - bestes Beispiel ist die Region des Beckenbodenmuskels oder die Analregion. Auch bei vielen sexuellen Störungen spielen tabuisierte (“still gelegte”) Regionen insoferne eine Rolle, dass sie entweder nicht empfindungsfähig sind oder das Gegenteil davon: hypersensibel, übererregbar bis hin zu schmerzempfindlich. Bei Vaginismus bei Frauen kann dies sein, aber auch bei vorzeitigem Samenerguss beim Mann. In der Therapie wird daran gearbeitet, dass wieder eine gute Verbindung zu der jeweiligen Körperregion hergestellt werden kann. Hineinspüren, Übungen mit Hilfe von Achtsamkeit. Nicht zuletzt gibt es in der Sexualtherapie die Möglichkeit, diese Verbindung auch spielerisch im Rollenspiel als betreffendes Organ oder Körperregion erfahrbar zu machen. So kann nach dem Wiederspüren auch die Lust wiederkehren.

Wenn Scham die Lust blockiert

Scham kann die Lust im Zaum halten. Was ja prinzipiell in bestimmten Situationen brauchbar ist. Jedoch wenn die Lust in der “lebenslanger Haft” verbleibt, geht es dem Menschen nicht gut. Denn Lust ist Teil unserer Vitalität. Schamgefühl entsteht durch Einwirkung von außen, meist sind es die Eltern, die sich für unser Verhalten schämen und mit ihren (oft unausgesprochenen) Reaktionen wie Körperspannung,Gesichtsausdruck oder mittels Strafandrohung signalisieren, dass wir etwas Falsches tun. Scham entsteht recht früh, das heißt noch in der vorsprachlichen Zeit. Durch oftmalige Wiederholung verinnerlichen Kinder dann diesen Anteil.

Freud nennt es dann das Über-ICH. Vereinfacht gesagt, ein “strenger Elternanteil” der uns sagt, was gut/böse/erlaubt/verboten ist. Die Begrenzung durch Scham ist durch die Grenzen der Altvorderen vorgegeben. Deren Biografie, die sozialen Kenntnisse, Haltungen, Begrenztheiten wegen fehlender Erfahrung schwingen dabei mit. Zu einem Teil wird es in der Ablösung vom Elternhaus gelingen, mit der Begrenztheit durch Schamgefühle einen eigenen und “kreativeren Umgang” zu finden. Damit soll nicht für eine Schamlosigkeit geredet werden, aber für ein kritisches Hinterfragen.

Erkenntnisse

Die Ablösung vom Elternhaus, das Erwachsenwerden, ist immer gekoppelt an die Auseinandersetzung mit der Scham.

Befreiungsversuche

Ich will meinen Partner/ meine Partnerin nicht im Dunkeln lieben, daher sehen wir uns beim Sex in die Augen! Urpeinlich? Braucht Begegnung von Person zu Person peinlich sein? Sie kann jedenfalls sehr tiefe (Liebes)gefühle auslösen. Sie wird betroffen machen, es kann auch eine Wärmwelle hochkommen oder andere Reaktionen auftreten. Begegnung kann schließlich als befreiend empfunden werden. Wirkliche Nähe verspüren, nichts mehr dazwischen haben, im Innersten erkannt und eingefühlt sein. Endlich sich nicht mehr verbergen müssen. Wahres Lieben und Geliebtsein. Eine Heilsame Erfahrung: So sein, wie ich bin - nicht wie ich vermute, dass mich andere gerne hätten. Sich nicht mehr verstellen zu müssen, eine angenehme Vorstellung nicht? Für die Maßstäbe unserer Elterngeneration ist so eine Liebeseinstellung eine fast unvorstellbare Sache. Beim Sex hat doch jeder sein “eigenes Ding” im Kopf, das gehört sich so. Gestöhnt wird auch nicht. Am besten den Atem flach halten sonst könnte noch die Kontrolle verloren gehen. Und was wäre dann? Tränen, Lachen, sinnlicher Rausch, sich für eine Zeit verlieren, Unerklärbares? Schäm’ dich, nicht einmal daran denken. Du würdest … doch da überlasse ich Sie werte LeserInnen Ihren eigenen Phantasien. Machen Sie doch ein Theater im Kopf daraus. Spüren Sie schon etwas Scham aufsteigen? Lassen Sie diese wieder weiterziehen und achten Sie nur darauf, was Ihnen selbst und Ihrem Partner/Ihrer Partnerin gut tut. Bleiben Sie achtsam, zärtlich und respektvoll miteinander UND mit sich selbst. Dann wird Ihnen nichts “Schlimmes” passieren können.

Und alles kann sich mit der Zeit leichter anfühlen, Martin Geiger, Psychotherapeut

Linktipps

https://www.youtube.com/watch?v=uw_EFg_fgI4

http://www.angst-auskunft.de/AAA_Scham_Angst/AAA_Scham-Allgemein.htm

http://www.wissen.de/podcast/warum-wir-uns-schaemen-podcast-165

http://www.gestalttherapie.at/graduierungsarbeiten_oeffentlich/mth_kathr

http://www.lptw.de/archiv/vortrag/2007/hilgers_micha.pdf

http://www.berliner-krisendienst.de/wp-content/uploads/2014/09/52-schamg

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