Manche Fachbegriffe aus der Psychologie sind nun sprachlichen Alltag angekommen. Was sonst PsychologInnen/PsychotherapeutInnen oder PsychiaterInnen in den Mund genommen haben zirkuliert nun oft in social media Einträgen oder in youtube Videos. Wie das zu deuten ist wird aktuell (2026) diskutiert.
Früher war eine der ersten Diagnosen, eine Pionierdiagnose war der sogenannte “Minderwertigkeitskomplex”, auch einfach “Komplex” genannt. Da wurde einem recht schnell dieses Etikett verpasst. (ich spreche von der Kindheitszeit der Boomer).
Heute im Jahr 2026 gelangt man vom burnout oder boreout flugs zu mobbing, bossing, bullying. Traumatisch, antriggernd oder depri oder aggro wirkt heute schon vieles. Vom Narzissmus ist es nicht mehr weit hin zur “toxischen Beziehung”. In sozialen Medien gibt es bereits eigene Begrifflichkeiten für bestimmte schädigende Erfahrungen wie: gaslighting, sexting, stalking, floodlighting und allen noch kommenden -ings.
Bislang waren üblicherweise Chemikalien o.ä. toxisch, also giftig.
Diagnosen stärken die Opfersicht und selbstverständlich ist es erleichternd, wenn es Worte dafür gibt, was einem angetan wird. Manchmal bleibt die Frage nach der eigenen Verantwortung ungestellt. Im Falle einer “giftigen (toxischen) Beziehung” könnte gerade dies der Schlüssel dazu sein, die Lage für sich zu verbessern. Toxische Beziehungen haben eine Vorgeschichte und fallen nicht vom Himmel. Sie entwickeln sich langsam und unmerklich in eine ungünstige Richtung. In diesem Zusammenhang spreche ich nun lieber von gefährdeten und gefährdenden Beziehungen (statt toxisch). Was ist dabei zu beobachten?
Merkmale gefährdender (toxischer) Beziehungen
Wichtige emotionale Bedürfnisse bleiben beidseitig längere Zeit unversorgt, dies, obwohl sie vielleicht geäußert werden; Der gegenseitige Respekt ist verloren gegangen, was oft bis zum wechselseitigen Machtmißbrauch geht; Gewohnheitsmäßig und vorsätzlich werden seelische Verletzungen bis hin zu körperlicher Gewaltausübung zugefügt und auch toleriert. Beachten wir besonders die Vorstufen dazu: häufige Entwertung, verbale Beleidigungen, chronisches Mißtrauen + Eifersucht sowie Kontrollzwang; (z.B. im Handy des Partner/Partnerin herumschnüffeln) psychische Erkrankung eines Partners, besonders wenn ein Suchtverhalten besteht; wobei der andere Partner in einer versorgenden Rolle komplett aufgeht, sich also mit aufopfert. Aber auch unerkannte Erkrankungen kommen vor und können nicht passend versorgt werden.
Fehlt die Fähigkeit zur Selbstfürsorge und Selbstberuhigung, kann dies zu Ausbrüchen und Kontrollverlust führen;kulturelle oder religiös geprägte enge Wertvorstellungen werden nicht gemeinsam gelebt und geregelt - häufig bestimmt immer Eine/r darin über den/die Andere. Eingeschränkte Fähigkeiten zum Benennen von Gefühlen und emotionalen Bedürfnissen schaffen Frustrationen. Partner spüren sich selbst nicht (mehr) und können daher auch ihr Gegenüber nicht spüren. Es fehlt sowohl an Selbstmitgefühl wie an Empathie für den/die andere. Große Abhängigkeiten werden als Druckmittel ausgenutzt: z.B. wirtschaftliche, fehlende Ausbildung, fehlende Mobilität (am Land), Gebundensein an Kinderbetreuung, instabile persönliche Gesundheit, Unselbständigkeit, Nicht-Abgelöstsein von der Herkunftsfamilie.
Drei übereinstimmende Aspekte
Ein erstes übereinstimmendes Merkmal zeigt sich in der Erstarrung im schädigenden Verhaltensmuster. Es passiert nicht nur einmal unbedacht im Streit sondern es wird zur Gewohnheit. In manchen “giftigen” Beziehungen pochen die Partner geradezu auf dem Recht, dass es ja so sein MUSS.
Der/die PartnerIn hat es nicht anders verdient.
Ein zweites Merkmal besteht oft darin, dass die Verantwortung für eigenes Handeln gänzlich auf das Gegenüber geschoben wird. Die Beziehungspartner sind von einander massiv abhängig. Keiner macht etwas, ohne ständig auf den anderen zu schielen.
Wenn du so bist, dann muss ich ja … hinhauen, davonlaufen, mich betrinken, etwas kaputtmachen, dir das Geld wegnehmen, dich anschreien, beleidigend werden.
Das dritte und wichtigste gemeinsame Merkmal ist, daß die Partner wenig bis keine Alternativen kennen. Sie handeln aus einer inneren Not, nicht anders zu können weil sie nichts anderes KENNEN und daher KÖNNEN. Weder mit sich selbst noch mit dem Partner.
Ist doch ganz normal, ich hab mich schon daran gewöhnt.
Weitere Merkmale
Die Beziehung ist in einer Pattsituation festgefahren, es gibt Rückzug und Mauern beider PartnerInnen. Aus Schutz oder zur Machtausübung wird der persönliche Kontakt zum Partner zunehmends verweigert, so auch die körperlicher Nähe und Sexualität.
Erpressung erfolgt durch Liebesentzug, Entzug von wichtigen wirtschaftlichen Ressourcen, Ausnutzen von Abhängigkeit, Mißbrauch des Kontakts zu Kindern während oder nach einer Scheidung, Entfremdungsversuche der Kinder vom getrennten Partner.
Falls noch miteinander gesprochen wird, dann wird das Gegenüber mit Vorwürfen/Anklagen/Mangel überschüttet.
Ebenso gefährdend wirkt sich aus, wenn das Gegenüber mit emotionalen Ausbrüchen (alle unerfüllten Bedürfnisse kommen gemeinsam auf den Tisch) geflutet wird. Fehlende Aussprache führen dazu, dass immer wieder wichtige Bedürfnisse erst angestaut und dann in einer vollen “Breitseite” am Partner entladen werden. So kann niemand etwas annehmen oder bei sich korrigieren.
Beziehungsgefährdend (=Toxisch) wirkt immer, wenn Partner ihr eigenes Verhalten nicht oder unzureichend reflektieren (können). Sie sollten erst lernen, über ihre Gefühle zu reden und es wertschätzen, dass auch der/die Partner/in dies versucht.
Beziehungsgefährdend wirken sich auch unerledigte Gesundheitsprobleme, fehlende Kinderbetreuung, fehlende Ressourcen und generell eine wirtschaftliche Not oder räumliche Enge aus.
Wichtig scheint mir in dem Zusammenhang auch der Hinweis, dass der Selbstbezug ebenfalls toxisch sein kann. Wenn PartnerInnen fortgesetzt mit sich selbst nicht liebevoll sein können, wenn sie z.B. leichtsinnig bis hin zu selbstschädigend (Alkohol) leben. Denn wer sich selbst nicht gut versorgt ist sehr anfällig dafür, dies in der Beziehungen zu wiederholen und/oder sich antun zu lassen.
Vereinfacht gesagt macht in Beziehungen oft die Dosis das Gift aus. Von allem zuviel (=einseitiges Verhalten) wird zum Gift. Zuviel Streit, zuviel Mißtrauen, zuviel Abstand, zu eng, zu viele Wünsche, zu viel Bier, zu wenig Eigenleben, zu wenig persönlicher Bezug, zu wenig gemeinsame positive Erlebnisse - dies alles kann eine ursprünglich gute Beziehung zu einer toxischen Situation machen. Dazu nennt J. Gottmann in seiner Büchern diese zerstörerischen Merkmale die “apokalyptischen Reiter”. Bestimmte Verhaltensmuster können nahezu jedes Paar in einen gefährdeten Beziehungsbereich führen.
Hinweis: Nicht jede Persönlichkeitsstruktur muss gleich in eine Kategorie eingeordnet sein. Die Bandbreite von “Tendenzen zu … narzistisch” bis zur schweren (klinisch diagnostizierbaren) Persönlichkeitsstörung ist breit. So wie es Menschen gibt, die gerne Ordnung haben - aber auch solche, die ihre Haustüre 30x überprüfen oder ähnliche Zwangshandlungen beim Verlassen ihrer Wohnung vollziehen. Die Seele ist ein weites Land. Nicht jeder verärgerte Mensch ist gleich gemobbt worden.
Auswege aus gefährdenden Beziehungen
Baldige Unterstützung aufnehmen - entweder gemeinsam oder alleine. Entlastung im Umfeld durch FreundInnen, Eltern, Vertraute suchen Grenzen gemeinsam besprechen und einhalten /einfordern Das Gespräch dann miteinander suchen, wenn Sie beruhigter sprechen können und achten, dass es beruhigt bleibt. Positive gemeinsame Erfahrungen aufsuchen, diese bestärken, viel darüber sprechen, sich gegenseitig dafür loben. Geordnete und begleitete Trennung als letzte Option in Erwägung ziehen.
Allen vielleicht Betroffenen wünsche ich gutes Gelingen ihre Beziehungslage zu verändern und stehe Ihnen, wenn gewünscht, gerne mit Rat & Tat zur Seite.
Martin Geiger, Paartherapeut
Linktipps
Der Begriff ’toxisch’ taucht in Gesprächen über Beziehung nun häufig auf.
https://baerbel-wardetzki.de/wp-content/uploads/2020/10/Toxische-Beziehungen-Welt.de_.pdf
https://chrisbloom.de/blog/toxische-beziehungen-erkennen-test/
https://www.wipub.net/warum-ein-schlechter-tag-dich-nicht-depri-macht-fachbegriffe-im-alltag/ Beratungsstellen
